Kartoffelewer in Hamburg (1887)
Petrine (2023)

Ein Ewer ist ein kleinerer, aus Friesland stammender Segelschifftyp mit Plattboden und einem oder zwei Masten, ursprĂŒnglich ohne Kiel. Einmastige Ewer werden als Pfahl- oder Giekewer bezeichnet, zweimastige heißen Besanewer.

Bei zweimastigen Ewern ist der achtern stehende Besanmast deutlich kĂŒrzer als der vor ihm stehende Großmast. Er ist also ein Anderthalbmaster. Ewer sind gaffelgetakelt. Vor dem Großmast fahren die Ewer ĂŒblicherweise KlĂŒver und Fock. Typisches Merkmal sind das flache Unterwasserschiff und hĂ€ufig Seitenschwerter, mit denen bei Am-Wind- und Halbwindkurs die Abdrift verringert wird. Die Ewer im norddeutschen Raum sind im Schnitt 16 Meter lang und vier Meter breit.

Geschichte, Verbreitung und Verwendung

Ein Schiffstyp mit der Bezeichnung Ewer ist seit dem Mittelalter bekannt; eine erste schriftliche ErwĂ€hnung stammt aus dem flĂ€mischen Sprachraum aus dem Jahre 1252 und bezeichnet den eenvare.[1] Im Wörterbuch der deutschen Sprache wird vermutet, dass niederlĂ€ndisch envarer = ‚Einfahrer‘ bedeuten könnte, was auf eine ursprĂŒngliche Ein-Mann-Besatzung hindeuten wĂŒrde.[1] Aus Jörgen Brackers Sicht wĂ€ren die Ewer fĂŒr einen Einhandsegler zu groß. Er vermutet eine Herkunft von var(e) = Last oder Fuhre, damit wĂ€re ein Ewer ein Boot, das die Last einer vierspĂ€nnigen Fuhre transportieren könne, in der Regel das Gewicht bzw. die Masse von 12 großen gefĂŒllten Tonnen.[1]

Nachbau eines Ilmenau-Ewers im LĂŒneburger Hafen

Bereits im 14. Jahrhundert, bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, wurde mit Ewern ĂŒber die Ilmenau Salz von LĂŒneburg nach LĂŒbeck und Hamburg transportiert. Im 16. und 17. Jahrhundert waren mehr als 50 dieser Schiffe auf dem Fluss unterwegs. Sie hatten eine LĂ€nge von 15 bis 20 Metern und konnten bis zu 20 Tonnen laden.[2] Ab etwa 1800 fanden sie vor allem im Gebiet der Unterelbe und Unterweser sowie auch in den Niederlanden und DĂ€nemark Verbreitung. Mit ĂŒber 2000 gebauten Booten waren sie im 19. Jahrhundert der am hĂ€ufigsten eingesetzte Schiffstyp in Deutschland. Die meisten Ewer hatten eine Lebensdauer von bis zu 30 Jahren, nur ein Viertel der Ewer konnte bis zu 50 Jahre genutzt werden.[3] Sie wurden besonders als Frachtschiffe in der KĂŒsten- und Flussschifffahrt genutzt, teilweise auch als Fischereifahrzeuge.

FĂŒr den Niederelbraum lĂ€sst sich die Entwicklung nachvollziehen, dass bis 1800 vor allem halbgedeckte, einmastige Boote mit Rahsegel und hochgezogenem Vordersteven Verwendung fanden.[4] Dieser Ewertyp wurde dann bis 1840 ungebrĂ€uchlich. Um ihn von dem folgenden Typ abzugrenzen, wurde er nachtrĂ€glich als Pfahlewer bezeichnet.[5]

FĂŒr die Ewer wurden teilweise regionale Bezeichnungen verwendet, dabei beschreibt der niederdeutsche Begriff Dreuchewer den Trockenewer, also einen Ewer ohne BĂŒnn, der außer dem Ewer der Fischerei alle Ewertypen umfasst:

  • Fischewer (1740 gab es in Blankenese 60 Fischewer, 1787 waren es 140.)
  • Bugsierewer
  • FĂ€hrewer
  • Kartoffelewer

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts werden Ewer hĂ€ufig zusĂ€tzlich mit Motoren ausgerĂŒstet. SpĂ€ter wurde auf die Takelage ganz verzichtet und die Ewer wurden nur noch mit eigenem Motor oder als Schleppverband gefahren.

Erhaltene Exemplare

Name Baujahr Bauwerft Typ Heimathafen Bemerkung
Windsbraut 1911 Ropers Stade Alstermaßewer Stade
hoch und trocken
Windsbraut trockengefallen im nordfriesischen Watt 2017
Anna - Lisa 1906 Junge Wewelsfleth Alstermaßewer Wischhafen
Teilansicht des Traditionsseglers Anna Lisa
Petrine 1909 Frachtschiff Hiddensee
Petrine 2011
Amazone 1909 Jacobs Morreege Frachtschiff Germaniahafen Kiel
Amazone
Johanna 1903 Frachtschiff Hamburg
Johanna
Catarina 1889 Fischereischiff Hamburg
Catarina
Annemarie 1914 Frachtschiff Hooge
Moewe 1907 Fack Itzehoe Frachtschiff Museumshafen Oevelgönne
Moewe
Elfriede 1904 Frachtschiff Museumshafen Oevelgönne
Elfriede
Hermann 1905 Frachtschiff Deutsches Hafenmuseum
Hermann
Luise 1906 Frachtschiff Göhren (RĂŒgen)
Luise
Alfred 1913 Frachtschiff Greifswald
Alfred
Friedrich 1910 Ropers Stade Frachtschiff Leer
Friedrich am Museumshafen in Leer
Jonas von Friedrichstadt 1911
Jonas von Friedrichstadt im Hafen von Pellworm
Maria 1881 Fischewer MĂŒnchen
Maria im Deutschen Museum
Maria af von Hoff 1981 (Nachbau) Fischewer Kappeln
Maria af von Hoff im Kieler Hafen
Frieda[6] 1909 Junge Wewelsfleth Giekewer Stade
Giekewer Frieda in GlĂŒckstadt
Margareta 1897 Giekewer Buxtehude
Giekewer Margareta
Willi 1926 Jacobs Morreege Giekewer Stade
Ewer Willi in Stade
Ewer Willi im Alten Hafen Stade
Ronja 1997 Pfahlewer Replik Husum
Ronja im nordfriesischen Wattenmeer
Pfahlewer Ronja im nordfriesischen Wattenmeer
Melpomene 1895 LÀgerdorfer Frachtewer Stöckte
Melpomene
Frachtewer Melpomene
Anna von Otterndorf 1910 Junge Wewelsfleeth LĂ€gerdorfer Frachtewer Hamburg
Catharina 1895 LĂ€gerdorfer Frachtewer Krautsand
Catharina auf Krautsand
Ewer Catarina im eingedeichten Hafen von Krautsand (Unterelbe)
Wilhelmine 1912–1914 Jacobs Morrege LĂ€gerdorfer Ewer Stade

Siehe auch

  • Milch-Ewer: kleine Ewer, mit denen Milchprodukte in die StĂ€dte Hamburg und Altona transportiert wurden
  • EwerfĂŒhrer: SchiffsfĂŒhrer im Hamburger Hafen
Commons: Ewer â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ a b c Jörgen Bracker: Bemerkungen zur Konstruktion und Ausstattung der Hamburger Staatsewer, Schniggen und Huckboote im Lichte der Hamburger KĂ€mmereirechnungen. In: Bewahren und Berichten : Festschrift fĂŒr Hans-Dieter Loose zum 60. Geburtstag. Zeitschrift des Verein fĂŒr Hamburgische Geschichte Band 83.1, 1997. S. 167 ff
  2. ↑ Salzmuseum LĂŒneburg: Ilmenau-Ewer
  3. ↑ Hans Szymanski: Die Ever der Niederelbe (1932). EuropĂ€ischer Hochschulverlag, Bremen 2011, ISBN 978-3-86741-726-6, S. 41.
  4. ↑ Wilfried Botha: BauplĂ€ne eines Blankeneser Pfahlewers. In: Jahrbuch des Altonaer Museums. Band 1878 / 1979, 1980 (deutsche-digitale-bibliothek.de).
  5. ↑ Alter Pfahlewer von Finkenwerder. In: FĂŒhrer durch die Abteilung fĂŒr Seefischerei. Jahrgang 1903 der Mitteilungen des Altonaer Museums, Nr. 2,3,4, S. 7 ff. (deutsche-digitale-bibliothek.de).
  6. ↑ Giekewer Frieda. Abgerufen am 3. Februar 2026.